Arbeiten auf dem Schiff als "Schule des Lebens"?
23. August 2026
Ahoi, Ihr Lieben!
Diese Woche schreibe ich aus Berlin - und das einzige Schiff, das ich hier bestiegen habe, war Donnerstag Abend ein Tretboot auf der Spree. Keine Bordunterhaltung, kein Kapitänsdinner, dafür Muskelkater. Passt aber ganz gut, denn ich habe gerade einen Podcast mit jemandem aufgenommen, für den ein Schiff eben kein Urlaub ist, sondern der Arbeitsplatz: Ole Schlobohm, 22, seit drei Jahren an Bord - erst bei Mein Schiff, inzwischen bei Phoenix Reisen - und zwar mittlerweile als Fahrradguide.
Zehn Stunden Arbeit, sieben Tage - und das vier bis sechs Monate
Wir Gäste kriegen davon ja fast nichts mit. Wer an der Bar arbeitet oder im Restaurant, teilt sich bei Mein Schiff eine Doppelkabine - kleines Hochbett, wenig Platz, dafür ist man sowieso kaum drin. Eine Single-Share, also Einzelkabine mit geteiltem Bad, ist schon eine Stufe weiter, und ein Bullauge, durch das echtes Tageslicht fällt, ist praktisch der Lottogewinn. Ole hat das jetzt auf der Artania - und sagt ganz offen, dass er nach dieser Erfahrung nicht unbedingt in eine Single-Share zurückmöchte.
Dazu die Zahlen, die man als Gast einmal gehört haben sollte: zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, vier bis sechs Monate am Stück - Kollegen aus Asien oft noch länger. Die Anfangseuphorie hält ein paar Monate, dann kommt der Trott, dann kommt der Punkt, an dem man einfach mal ausschlafen möchte. Und anders als an Land kann man nicht weg - man ist abends wieder auf demselben Schiff.
Was ich am spannendsten fand: Ole kommt mit 19 direkt nach dem Abi an Bord und wird sofort Barkeeper - neben Kollegen von den Philippinen oder aus Indonesien, die seit sechs, sieben Jahren auf genau diese Beförderung hinarbeiten. Sein Rezept dafür: Respekt zeigen, sich nicht über die Leute stellen, nur weil man auf einem deutschen Schiff zufällig Deutsch spricht. Klingt banal. Ist es nicht.
Wo wir grad bei Karriere sind - geht das auch ohne Ausbildung?
Fahrradguide ist kein Ausbildungsberuf, das gibt es so schlicht nicht. Reifen wechseln, Kette wechseln, ein bisschen Menschenkenntnis, sich vor einer Gruppe Erwachsener hinstellen können - der Rest wird an Bord gezeigt. Ole ist über die Bar da reingerutscht. In diesem Jahr war er auf der Artania - auf einer Art Weltreise - ohne Umrundung der Welt - die Umrundung kommt erst dieses Jahr ab Dezember - dann geht es ab Savona wirklich einmal um die Welt - Panamakanal, Südsee, Neuseeland, Australien, ein bisschen Asien, Afrika. Auf den großen Schiffen fährt man vier Monate lang dieselbe Route, und beim 30. Mal Athen ist auch der schönste Job irgendwann Routine. Auf der Artania ist er dagegen der einzige Fahrradguide an Bord - kein Manager über sich, dafür alles selbst: Touren, Technik, Verkauf und die Abstimmung mit den Behörden. In Peru fährt man eben nicht einfach so mit 100 Rädern von der Pier los wie in Griechenland.
Ole ist das schon gewöhnt, dass ihn Gäste ständig fragen , was er denn mal lernen will. Er nennt das Schiff "Schule des Lebens", und ich würde ihm nach unserem Gespräch den "Bachelor of Life" sofort ausstellen. In ein, zwei Jahren will er trotzdem aufhören - fünf Jahre an Bord sind lang genug. Ein spannender Einblick!
Bis nächste Woche - spätestens,
Euer Matthias
Die ganze Folge mit Ole gibt es hier - oder zum Hören auf morr.de/pod
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