Haben die Reedereien Angst vor dem Neustart?
19. Juli 2020
Ahoi, Ihr Lieben!
Am Freitag ist es soweit: Die Mein Schiff 2 sticht in Hamburg in See - das erste Mal mit Passagieren seit März. Eine halbe Ewigkeit - keine Frage. AIDAperla startet elf Tage später - kurz danach AIDAblu und AIDAmar - beide liegen seit gestern im Rostocker Überseehafen um sich auf den Neustart vorzubereiten. Gestern sind die ersten Crewmitglieder an Bord gegangen, der Rest folgt in der nächsten Woche.
Sind einige Kunden doch sehr euphorisch und freuen sich über den Neustart, ist die Stimmung bei den Reedereien eher verhalten. Vielleicht im besten Fall noch „vorsichtig optimistisch“. Aber zu unklar ist doch noch die derzeitige Perspektive für die Kreuzfahrt. Eigentlich sind es ja 21 Schiffe, die aktuell für AIDA und TUI Cruises unterwegs sein sollten - kurzfristig sind es immerhin wieder fünf - aber die eben nur noch zu 60 Prozent belegt. Ganz grob gerechnet steht also nur jedes siebte Bett wieder zur Verfügung.
Wo es nun auf die Zielgrade Richtung Neustart geht, scheinen die Reedereien zunehmend nervös zu werden. Wird sie funktionieren die Kreuzfahrt in Corona-Zeiten? Halten sich die Gäste an Bord an die Abstandsregeln oder fallen sie vor lauter Euphorie über den Neustart schnell zurück in alte Verhaltensweisen? Erinnert man sich nach dem zweiten Aperol Spritz noch daran, dass das, was mal möglich war, nun nicht mehr möglich ist?
Und was für Bilder sind es eigentlich, die auf diesen Reisen entstehen? Fotos oder gar Videos von Menschen mit Masken an Bord? Oder Gäste, die zu nah zusammen stehen? Sind das Bilder, die dann vielleicht nachhaltig das Bild der Kreuzfahrt künftig prägen werden? Und so spüre ich eine gewisse Angst, wenn ich mit den Kommunikationsverantwortlichen der Reedereien spreche - die ich so zurückhaltend lange nicht erlebt habe, wenn es um die Frage geht, ob ich auf Reisen mit dabei sein kann oder nicht… Aber es muss ja weitergehen - und so gehe ich am Freitag auf „Blaue Reise“ mit der Mein Schiff 2.
Bis nächsten Sonntag - spätestens,
Matthias
Treibholz - Meine Fundstücke der Woche
Der Neustart der Kreuzfahrt - dazu hat der Spiegel Professor Alexis Papathanassis interviewt, den Lehrstuhlinhaber für "Cruise Industry Management" in Bremerhaven. Er gibt auch einen Ausblick darauf, wie sich die Kreuzfahrt künftig entwickeln könnte.
Eine Kreuzfahrt in Zeiten von Corona - Franz Neumeier gehört zu den Medienkollegen, die es schon ausprobiert haben. Er war mit A-Rosa auf dem Douro in Portugal unterwegs - und schreibt hier, wie es war - seine erste Kreuzfahrt mit Maske und Abstand.
Ähnliches Thema - aber auf Englisch. Mike Louagie aus Belgien ist auf einer Kreuzfahrt an der französischen Küste mit Ponant. Für eine Hochseekreuzfahrt in diesen Tagen geht nämlich vergleichsweise viel - es gibt nämlich sogar Anlandungen mit Zodiacs. Mehr dazu hier.
Und wo wir grad bei den englischen Texten sind: Gene Sloan analysiert hier (sehr interessant!), warum es logisch ist, dass Holland America Line (wie AIDA Teil der Carnival Corporation) nach dem jetzigen Stand vier Schiffe abgibt. Holland America Line setzt ja sehr stark auf das Destinationserlebnis - mit längeren Kreuzfahrten durch viele Länder für eine eher ältere Zielgruppe. Das sei mittelfristig eher schwierig umzusetzen - mir fielen beim Lesen auch Anbieter hierzulande mit ähnlichem Konzept ein, wo die Herausforderung jetzt besonders groß sein dürfte.
Jemand, der etwas skeptisch ist, was Reisen in diesen Zeiten angeht, ist Jürgen Drensek: „Urlaub? - Jein danke“ schreibt er auf seiner Website. „Der Wohlstandsverwöhnte Nachkriegsmensch scheint nur eine extrem geringe Bereitschaft zu haben, sich und seine Wünsche einzuschränken,“ stellt er fest. Hier geht’s zum ganzen Text.
Jürgen propagiert den Urlaub in der Heimat - genauso wie Lektor Horst Müller, der nun nicht auf der Mein-Schiff-Flotte unterwegs ist, sondern zu Hause in Hamburg. Hier gibt’s seine ganz aktuellen Tipps für den Urlaub hier bei uns in der Hansestadt.
Den nächsten Morrletter live im Postfach?
Trag dich ein — dann bist du beim nächsten Mal von Anfang an dabei.